3. Supergiro Dolomiti 2016

«Ärmlinge Hochkrempeln»

Sonntag 12.06.2016 | Lienz 06.30 Uhr

Kurz vor der Passhöhe des Monte Zoncolan (1749 m) – Willi Hofer vom URC-Ötztal | Foto: Sportograf.com

Aufgrund eines Felssturzes auf der italienischen Seite des Nassfeldes findet der dritte «Super-Giro-Dolomiti» nicht auf der Originalstrecke Lienz – Oberdrauburg – Gailbergsattel – Kötschach/Mauthen – Plöckenpass – Paluzza – Lanzenpass – Pontebba – Nassfeldpass – Kötschach/Mauthen – Lesechtal – Kartitscher Sattel – Pustertal – Lienz statt. Es geht auf einer Schleife durchs nördliche Friaul, über den legendären extrem steilen Monte Zoncolan (1749 m). Mit dieser Giro-Bergetappe der «Tripple» HC-Kategerie findet der Veranstalter eine hochinteressante Alternative zur Originalstrecke und macht den dritten «Super-Giro-Dolomiti» einzigartig.

Vernünftige Wettervorhersagen im Juni sind schwierig – die meistverwendeten Wörter der Meteorologen lauten gebietsweise unbeständig und wechselhaft. Ein Russisches Sprichwort besagt «Man bereut nur das was man nicht macht» – deshalb den Wetterbericht ignorieren, anmelden und an den Start gehen. Der Regen am Samstag hat die Luft stark abgekühlt und die Straßen bis auf den letzten Kieselstein gesäubert. Bei Sonnenaufgang um 6.00 Uhr ist der Himmel fast wolkenlos und der Veranstalter Franz Theuerl überreicht das erste Vatertagsgeschenk den 300 Teilnehmern die sich von schlechten Wettervorhersagen nicht abschrecken lassen. Das Einreihen im Startblock 15 Minuten bevor es losgeht ist völlig ausreichend. Das Parken des Autos, unmittelbar vor den Duschen, ist Teil zwei meiner vierstufigen Tourstrategie, die das Ankommen im Ziel, bevor die Zeitmessung um 18.30 Uhr endet, verfolgt. Unbeschadet in jeder Hinsicht, den Beginn der Auffahrt zum Monte Zoncolan zu erreichen ist Teil drei der Strategie und heißt, sturzfrei bis Oberdrauburg fahren, konditionell den grünen Bereich bis dorthin nicht verlassen und trocken bleiben. Mit erhobenen Zeigefinger verlangt Teil vier der Strategie, ausnahmslos keine Labestation auslassen!

In Oberdrauburg sammelt der geschlossene Bahnschranken alle Teilnehmer zum Neustart. Die maximal fünfprozentige Steigung zum Gailbergsattel – der Tacho zeigt im Schnitt zwanzig Stundenkilometer – sind nach 400 Hm schnell vorbei. Am Ende der Abfahrt trennen die Ortschaften Kötschach und Mauthen das Kärntner Lesachtal im Westen vom Kärntner Obergailtal im Osten. Die Strecke führt aber weiter Richtung Süden, über den Plöckenpass der auf 1357 Meter Seehöhe liegt, ins nördliche Friaul nach Italien. Auf den letzten 400 Hm, bei der Durchfahrt in den langen Tunnels, wird mir erstmals bewusst, dass keine Autos und Motorräder unterwegs sind – alle Straßen entlang der Route sind vom Verkehr bis 12.30 Uhr gesperrt – das zweite Vatertagsgeschenk von Franz Theuerl an diesem Tag. Direkt nach der Ausfahrt aus dem letzten langen Tunnel befindet sich der Plöckenpass und die zweite Labestation nach insgesamt 700 Hm Bergfahrt ist erreicht. Am Buffet der Labestation ist die Musik so laut, dass sich kein Teilnehmer dort freiwillig länger aufhält als notwendig und fluchtartig weiterfährt – eine Unterhaltung mit den netten HelferInnen ist ohnehin nicht möglich und das freundliche Danke hört auch niemand. Der Blick in den Himmel, kurz vor dem Einklicken in die Pedale, verspricht weiterhin trockene Fahrt. Die Regenhose und Regenjacke bleiben in der übergroßen Satteltasche den ganzen Tag verstaut, nur die Windjacke und ein Bufftuch für den Kopf, wird vor fast jeder Abfahrt von jenen die nicht ums Podest kämpfen aus den Trikottaschen gezogen. Kurz vor der Ortschaft Timau (Tischlwang) werden die Bremsen wieder geöffnet und die Straße führt jetzt leicht abfallend bis nach Paluzza. In Paluzza führt die Route weiter bergauf Richtung Westen. Entlang der Karnischen Dolomitenstraße sind ähnlich wie am Gailbergsattel 400 Hm moderat bergauf über Ravascleto bis nach Comeglians, wo die legendäre Giro-Etappe zum Monte Zoncolan beginnt, zu bewältigen.

In Comeglians heißt es ersten Gang einlegen und «Ärmlinge hochkrempeln». Noch nie hat sich mein erster Gang so schwer angefühlt wie auf dieser Bergstraße. In regelmäßigen Abständen wird durch Drücken des rechten Ganghebels sicherheitshalber kontrolliert ob der leichteste Gang bereits eingelegt ist. Eine pendelnde Fahrweise verlängert zwar die Auffahrt entschärft aber die steilsten Rampen. Hängengebliebene Teilnehmer stehen am Rand und versuchen verzweifelt anzufahren, das nicht jedem gelingt – dann heißt es schieben bis zur nächsten flachen Kehre die die Anfahrt ermöglicht.

Beim dem Versuch, zum Einklicken in die Pedale ein paar Meter bergab zu rollen und umzudrehen, stürzt ein Teilnehmer unmittelbar vor mir.

Auf den letzten zwei Kilometern lässt die Steigung für kurze Verschnaufpausen nach. Zum Lesen der Schilder entlang der Strecke die an legendäre Giro-Teilnehmer wie Eddy Merckx, Bernhard Hinault, Mario Cipollini uvm. erinnern bleibt leider keine Zeit. Angekommen am Monte Zoncolan auf einem unter Rennradfahrern historischen Berg kommt die Gänsehaut nicht ausschließlich von der frischen Bergluft. Die Straße bergab ins Tal ist reine Formsache, jetzt heißt es Kräfte sparen für die lange einsame Anfahrt zur vorletzten Bergetappe die bereits von der Abfahrt her bekannt ist und von den Italienern mit Passo di Monte Croce bezeichnet wird. Nach dem Monte Zoncolan ist natürlich jede Bergstraße einfach, aber der Tacho zeigt selbst in den steilsten Abschnitten zum Passo die Monte Croce immer eine zweistellige Zahl und das ist der Beweis für einen rennradfreundlichen Berg mit Steigungen unter zehn Prozent. Am Ende meiner Abfahrt vom Passo die Monte Croce werden alle Straßensperren aufgehoben aber im Lesachtal Richtung Osten ist ohnehin kaum Verkehr. Das 40 Kilometer lange ansteigende Sägezahnprofil im Lesachtal saugt die letzten Körner aus den Beinen und das ständige auf und ab verlangt viel Willenskraft. Kurze sommerliche Regenschauer ziehen durchs Tal und hinterlassen dampfenden Asphalt – die Wind- und Regenjacke bleibt aufgrund der hohen Temperaturen aber weiterhin verstaut. Christoph Kell aus Lenggries ist mit Krämpfen in den Beinen mitten im Lesachtal hängengeblieben und musste eine längere Pause einlegen. Als wir an ihm vorbeifahren rafft er sich wieder auf und wir fahren zu viert gemeinsam weiter. Der gesprächige Christoph fährt viel voraus textet uns zu und wünscht sich bei der vorletzten Labestation für nächste Jahr – nachdem er höflich nachgefragt hat ob er sich etwas wünschen darf – Essiggurken und einen Salzstreuer. Komm Christoph wir müssen weiter, einer von unserer vierköpfigen Gruppe ist bei dieser Labestation nicht stehengeblieben und der andere ist fix und foxi und bleibt vermutlich über Nacht – außerdem ist mir Essen und Trinken zu diesem Zeitpunkt ohnehin egal weil die letzten dreißig Kilometer bringen mich nicht die Beine sondern der Kopf ins Ziel – oder hast du irgendwo einen Mentalriegel gesehen?! Beim einzigen und letzten Anstieg im Pustertal bei starkem Gegenwind entreißt mir die sechsköpfige Gruppe mit der ich gerne mitgefahren wäre, nur Christoph lässt sich zu mir zurückfallen fährt viel voraus und stemmt sich mit seinen 86 Kilo – keine Ahnung wie er die vor mir auf den Monte Zoncolan gebracht hat – tapfer gegen den Wind so dass wir bis ins Ziel auf unsere Ausreißer nur zwei Minuten verlieren. Mein körperlicher Zustand im Ziel nach 217 km und 4900 Hm ist vermutlich meiner Strategie entsprechend zu gut und deshalb für das nächste Mal zu überarbeiten.

3. Supergiro Dolomiti 2016

Ergebnisse

Männer (300 Klassierte)

1. Markus FEYERER (AUT) 6:46:54

1. Daniel RUBISOIER (AUT) 6:46:54

3. Benjamin SCHWEINESTER (AUT) 6:55:12

156. (51.) Willi HOFER (AUT) 9:10:13

300. Dirk MEYER (D) 12:57:53

Frauen (10 Klassierte)

1. Nadja PRIELING (AUT) 07:51:01

2. Lorraine DETTMER (AUT) 08:07:16

3. Claudia BAUMGARTNER (AUT) 08:43:21

 

 

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