Granitmarathon 2019

09.06.2019 | Kleinzell im Mühlviertel | 09:00 Uhr

Auf den vielen Verbindungswegen zwischen den unzähligen Auf- und Abfahrten beim Granitlandmarathon in Kleinzell im Mühlviertel, werden Bilder von hüfthohen Weizenfelder und Wiesen, in die Erinnerung der TeilnehmerInnen geprägt. Foto: © Studio | 365

Auch wenn die Startnummer kleiner gewesen wäre hätte ich das Rennen nicht gewonnen. Dennoch gilt wie immer die Devise «so lange niemand das Ziel erreicht hat kann man das Rennen noch gewinnen»

Wer in Google Maps Kleinzell sucht, muss unter den Suchvorschlägen Kleinzell im Mühlviertel auswählen. Für die Fahrzeit von Innsbruck bis nach Kleinzell im Mühlviertel ist laut Google Maps, ohne Stau, mit dreieinhalb Stunden zu rechnen. Aufgrund der langen Fahrzeit bin ich der Meinung ich fahr nach Niederösterreich – hoffentlich liest das kein/e Oberösterreicher/in. Das Mühlviertel ist natürlich ausschließlich in Oberösterreich und die Grenzen sind klar definiert und einfach zu merken. Das ganze Gebiet nördlich der Donau, innerhalb der Staats- und Landessgrenzen von Oberösterreich, wird als Mühlviertel bezeichnet und Kleinzell mit seinem weltberühmten Granitsteinbruch ist anscheinend das Herz davon.

Granit – das Material für die Randsteine der edlen Bürgersteige und Grabsteine soll hier in Kleinzell in der näheren Umgebung überall «wachsen». Touristische Wegweiser markieren Erlebnis-Wanderrouten zu Granitsteinformationen wie anderswo zu Wasserfällen, Klammen und Schluchten. Wären wir nicht durch den Kleinzeller Steinbruch gefahren hätte ich keinen einzigen Granitstein gesehen. Dafür aber eine Menge Wurzeln, Steine wie sie überall zu finden sind, Schotter, Asphalt, Wald- und Wiesenböden. Die sehr abwechslungsreichen Wege führen großteils durch schattige Wälder und außerhalb durch hüfthohe Weizenfelder und Wiesen mit meist kühlendem Gegenwind.

«Is leicht hoas?» Sprachlich ist die Gegend ebenfalls leicht zu erkennen, weil in jedem zweiten Satz das Wort «leicht» als immer gut passendes Füllwort Platz findet.

Nach meinem Lebensmotto «Der Zufall ist mein bester Moment» lande ich in Untermühl beim Gasthof Ernst an einem wunderschönen mir unbekannten See den gerade ein Drachenboot kreuzt. Unmittelbar danach folgt dem Drachenboot ein größeres Frachtschiff, der See ist also kein See sondern ein Fluß und ein Fluß in der Größe kann in Österreich nur die Donau sein. Daran ist gut zu erkennen wie wichtig Reisen sind!

Kurz vor dem Start wird wie immer die Höhe des Tachos kalibriert. Leider weiß ich aber nicht wie hoch der Startort liegt. «Auf 550 Meter Seehöhe befinden wir uns» antwortet ein einheimischer Zuseher lachend auf meine Frage nach der Höhe, aber das sei nicht wichtig ist er der Meinung, weil es ohnehin ständig bergauf und bergab geht. Damit hat er vermutlich recht, das Steigungsdiagramm kann man ohnehin unmöglich auswendig lernen, dafür aber die sechs perfekt platzierten Labestationen bei Kilometer 12, 35, 50, 60, 70 und 80. Nur wenige Anstiege messen 300 Hm am Stück die meisten sind kürzer. Um auf 90 Kilometern 3100 Hm zu sammeln braucht es sehr viele von diesen kurzen Auffahrten. Als Ortsunkundiger fühlt man sich auf der Fahrt durch das Mühlviertel entlang der vielen Verbindungswege zu den unzähligen Auf- und Abfahrten einerseits wie ein aufgeschrecktes Hendl und andererseits wie ein Goldfisch im Wasserglas, denn ständig fragt man sich ob man hier nicht schon einmal vorbeigefahren ist. Auf den letzten 30 Kilometer trifft das für die TeilnehmerInnen der langen Distanz auch zu. Sie fahren einen Teil der Runde ein zweites Mal und kommen deshalb bei Start und Ziel und im Steinbruch insgesamt zweimal vorbei. Die vielen Trails führen nicht nur bergab sondern auch horizontal und bergauf ein echter X-Country Marathon – meine Lieblingsradsportdisziplin. Völlig unvorbereitet und zu diesem Zeitpunkt ohne Mitstreiter, ist plötzlich ein Bach zu durchqueren dessen Tiefe nicht zu erkenne ist. In der Eile kann ich leider keinen trockenen Übergang in näherer Umgebung finden und vermutlich hat mich auch der Fotograf auf der gegenüberliegenden Seite dazu motiviert die Bachtiefe fahrend zu messen damit er ein spektakuläres Motiv zum Fotografieren bekommt. Es ist knietief sagen die sauberen Schuhe nach der Ausfahrt und wer einen zu schweren Gang eingelegt hat geht im Bach sprichwörtlich baden. Kurz danach stehen im Wald bei einer steilen aber relativ kurzen Rampe fast so viele Zuschauer wie in Nove Mesto beim MTB-XC Weltcup. Bei fußballstadionähnlicher Atmosphäre gibt hier jeder alles auch jene die nicht ums Podest fahren.

«Mama wia weit is nooo»? höre ich auf den letzten zwei Kilometern eine von drei knapp hintereinander fahrenden gleich gekleideten Teilnehmerinnen nach hinten rufen! Der Lärm aus dem Festzelt im Start-Zielgelände ist schon zu hören – weit kann es also nicht mehr sein, dachte ich mir. Dann war ich aber auch schon wieder vorbei bei den tapferen Ladies– die Antwort der Mama habe ich leider nicht mehr gehört, vielleicht hat sie auch gar nichts gesagt weil sie die Frage schon mehrmals beantworten musste.

Auf den letzten 30 Kilometern sind von den vielen Bikern die auf den insgesamt vier unterschiedlichen Distanzen gestartet sind – alle auf den selben Wegabschnitten – kaum noch TeilnehmerInnen die gemeinsam unterwegs sind zu finden. Gegner gibt es ohnehin keine mehr, weil jeder nur noch mit sich selber kämpft um überhaupt das Ziel zu erreichen. Die Frage bei den Labestationen, Wasser oder Iso, ist bis Kilometer 60 einfach zu beantworten. Mehrere Becher Iso werden sofort getrunken und das Wasser wird über den Kopf geschüttet. Bei den letzten beiden Labestationen (Kilometer 70 und 80), die jeweils eine zwei Kilometer lange sehr steile Bergfahrt beenden, kommt mir die einfache Frage ob ich Wasser oder Iso möchte wie eine schwierige Rechenaufgabe vor. Weiß ich in diesem Zustand ehrlich gesagt nicht antworte ich höflich mit leiser Stimme um Kraft zu sparen – Antworten wären mir ohnehin lieber als Fragen habe ich mir gedacht. Bei der letzten Labestation wird meine Befürchtung, dass ich den steilen windstillen Steinbruch im Zenit der Sonne noch ein zweites Mal bezwingen muss von einer Helferin mitleidig bestätigt – der knietiefe Bach wäre mir zu diesem Zeitpunkt bedeutend lieber gewesen, aber aus dem wäre ich vermutlich nicht mehr freiwillig raus gefahren aus dem Steinbruch schon. Meine letzten zwanzig Kilometer bis ins Ziel sehen nicht mehr schön aus – die Luft ist leider raus – und auch meinem Hinterreifen geht knapp hinter der Ziellinie, keine Sekunde zu früh, ebenfalls die Luft aus. Ein bereits vergessenes nie repariertes Loch im Mantel meines Schlauchlosreifens ist wieder offen.

Im Festzelt findet die Siegerehrung aller Distanzen, Altersklassen und Sexualitäten statt und währenddessen gibt es leckeres Gegrilltes und viel Bier. Der Lärmpegel ist so wie in jedem vollem Bierzelt, unbeschreiblich laut, so, dass ich beim Verlassen nicht mehr sicher bin was schöner ist, aus dem Bierzelt raus oder ins Ziel rein.

Granitmarathon

 

Ergebnisse

90 KM | 3100 HM (81 Klassierte Männer / 14 DNF)

1. SOUKUP Christoph 3:59:35

2. (2.) ALBERTI Matthias 03:59:45

3. (1.) STADLER Alexander 04:17:33.4

45. (18.) HOFER Willi (URC-Ötztal) 5:34:59

67. (21.) PAULIC Erich 6:27:33

 

90 KM | 3100 HM (3 Klassierte Frauen)

1. SOMMER Sabine 4:48:15

2. (1.) FIALA Katharina 5:48:56

3. (2.) EGGINGER Claudia 6:17:59

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